Vorworte
von Gereon Hunger (Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit, GTZ)
und Ralf Syring (terre des hommes).
__________________________________________________________
Maputo, das ist die Hauptstadt und der größte städtische Ballungsraum von Mosambik, das sind
ca. 1,2 Millionen Einwohner von denen die Hälfte unterhalb der Armutsgrenze lebt, das heißt mit
weniger als 1 Dollar pro Tag auskommen müssen.
Und das sind auch mehr als 1000 Tonnen produzierter Abfälle täglich - mit steigender Tendenz.
Hier landen alle Abfälle noch im selben Container.
Von städtischer Seite werden Abfälle, die als Wertstoffe aufbereitet oder wieder verwendet werden
könnten, nicht getrennt gesammelt. Es gibt keine Behandlung der Abfälle, um deren negative Umwelteinflüsse zu verhindern. Aber es gibt den informellen Sektor und eine riesige Müllkippe.
Der informelle Sektor, das sind Menschen aller Altersklassen, die von diesen Abfällen leben, sei es
durch das Aussortieren und den anschließenden Verkauf oder auch durch die Suche nach direkt
Verwert- bzw. Essbarem. Die Abfallsammler von Maputo arbeiten überwiegend einzeln, sind kaum
organisiert und hängen von den stark schwankenden Preisen eines noch sehr instabilen Marktes
ab.
Seit 2002 berät und unterstützt die GTZ (Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit) im Auftrag der deutschen Bundesregierung die Stadt Maputo beim Aufbau einer nachhaltigen Abfallwirtschaft.
Im Rahmen des Projektes AGRESU (Apoio a Gestão de Resíduos Sólidos Urbanos) wird neben der
Entwicklung tragfähiger Organisationsstrukturen sowie institutioneller und personeller Kapazitäten
auch der Aufbau einer lokalen Recyclingwirtschaft gefördert Dabei spielt der informelle Sektor eine
herausragende Rolle.
Das Pilotprojekt RECICLA, das gemeinsam mit der Stadt Maputo und CARITAS Mosambik sowie der
italienischen Nichtregierungsorganisation (NRO) LVIA durchgeführt wird, versucht ehemaligen
Abfallsammlern (7 Frauen und 7 Männern) ein regelmäßiges Einkommen und bessere Arbeitsbedingungen
zu verschaffen. In einer Aufbereitungsstation in unmittelbarer Nähe zur Müllkippe reinigen,
sortieren und zerkleinern die 14 Mitarbeiter Plastikabfälle, die zuvor von Abfallsammlern zu
Festpreisen angekauft wurden. Anschließend werden die so veredelten Plastikabfälle an die lokalen
mittelständischen Plastikproduzenten verkauft.
Konstante Einnahmen und faire Preise für die Abfallsammler, Wertschöpfung durch das Projekt
sowie Kosteneinsparungen für die Plastikfirmen schaffen so eine für alle Beteiligten vorteilhafte Partnerschaft.
Ziel des Projektes ist, dass die Gruppe ehemaliger Abfallsammler nachhaltig wirtschaftet und nach
einem Jahr eigenverantwortlich die Geschäfte führt. Dies bedeutet Ausbildung der Mitarbeiter
zur Vorbereitung auf die zukünftige Selbstständigkeit, sowie die stetige Steigerung der Produktion
durch die Optimierung der betrieblichen Abläufe.
Wie fügt sich dieses Projekt in den Zusammenhang von Entwicklungshilfe und Armutsbekämpfung
ein? Die Arbeitsbedingungen der Abfallsammler auf der Müllkippe sind gefährlich. Sollte
man also versuchen, diese Form der Einkommenssicherung zu unterbinden? Wäre den Menschen
damit geholfen? Letztendlich bilden die gesammelten Wertstoffe die Lebensgrundlage für diese Menschen, die keine anderen Alternativen haben.
Die Frage muss deshalb heißen: wie können die informellen Abfallsammler langfristig in eine organisierte
Entsorgung und Verwertung von Abfällen integriert und ihre Lebensbedingungen dadurch verbessert werden? Das geschilderte Projekt ist ein erster Schritt in diese Richtung, dem weitere folgen müssen.
Kinder haben in dieser Welt zweifellos nichts zu suchen; oft genug aber müssen sie mithelfen, um
ihre eigene tägliche Mahlzeit zu sichern. Genau an diesem Punkt setzen erfolgreiche Initiativen und
Projekte von Nichtregierungsorganisationen wie zum Beispiel von terre des hommes an und schaffen
durch entsprechende Anreize wie etwa das Angebot von Mahlzeiten die Voraussetzungen für die Reintegration der Kinder in den Schulbetrieb.
Gereon Hunger
Projektleiter GTZ - AGRESU
__________________________________________________________
Dass das, was die einen wegwerfen, für andere noch brauchbar sein kann, ist nicht die Erfindung
der Abfallbewirtschafter. Das wussten eben die, für die der „Abfall“ nützlich ist, schon immer. Als
die Müllkippe in Maputo da eingerichtet wurde, wo sie sich heute befi ndet, war sie einige Kilometer
von der Stadt entfernt. Damals, so ergab eine Studie, die terre des hommes vor Anfang der Unterstützung des Projekts 1999 in Auftrag gab, hat sich eine einzige Frau dort eine Holzhütte gebaut.
Geschäftstüchtig beschäftigte sie einige Müllsammlerinnen und -sammler und verkaufte deren
Sammlungsertrag. Heute liegt die Müllkippe inmitten eines Wohngebietes. Manchmal können
die Menschen auf der einen, manchmal die auf der anderen Seite kaum atmen, je nach Windrichtung.
Fast immer brennt es irgendwo auf der Müllkippe. Nicht alle, die da sammeln, haben Schuhe.
terre des hommes unterstützt die mosambikanische Organisation „Renascer“ („Wiedergeborenwerden“)
dabei, die Familien in der Umgebung der Müllkippe zu überzeugen, dass sie ihre Kinder
nicht zum Müllsammeln, sondern statt dessen in
die Schule schicken sollen. Das aber ist ein Einkommensverlust
für die Familien. Die, die zustimmten, taten es in den meisten Fällen nur deshalb, weil die
Kinder in der Schule, die von „Renascer“ nahe der
Müllkippe gebaut wurde und unterhalten wird, eine
Mahlzeit bekommen. Das kompensiert den Einnahmeverlust.
Die Kinder lernen auch Fertigkeiten
wie Körbe fl echten und Sticken in der Schule. Auch
das kann zum Einkommen der Familie beitragen.
Kinderarbeit – ja, aber wir hoffen, dass es keine
ausbeuterische sei. Für ältere Jugendliche hat„Renascer“ mit terre des hommes-Unterstützung
inzwischen auch eine Ausbildungswerkstatt für
Schreiner eingerichtet.
Machen wir uns nichts vor: Die Familie, die vielleicht
ein Kind oder zwei Kinder in die Schule
schickt, schickt dafür vielleicht zwei andere auf die
Müllkippe. Stabilisieren wir das Abfallsammeln am
Ende? Sollten wir nicht lieber dafür eintreten, dass
die Menschen aus der Umgebung dieser rauchenden
Giftanlage zwangsevakuiert werden oder die
Müllkippe geschlossen wird?
Kindern wird bei RECICLA kein Müll abgenommen.
Doch woher sollen wir wissen, dass die jungen
oder älteren Erwachsenen den Plastikmüll, den
sie dort abliefern, nicht von Kindern bekommen
haben? Immerhin haben seit Bestehen des Projekts von „Renascer“ 746 Kinder eine Schulausbildung bekommen.
Vielleicht weist ihnen das ja einen Weg
hinaus aus der Armut.
Als ich die Fotos von Klaus Ackermann sah, schien
es mir, dass sie veröffentlicht werden sollten. Leider
vermitteln sie nicht die Atemnot und den Gestank,
aber einige ein wenig von der Aufmerksamkeit der Kinder, bei der Arbeit und in der Schule oder der Werkstatt.
Die Fotos können nicht schön sein, weil das, was
sie abbilden, nicht schön ist. Und damit am Ende
nicht doch die Armut allzu schön aussieht, fanden
wir, dass sie den Text brauchen, einen der ihnen
ebenbürtig ist, von einem mosambikanischen
Schriftsteller.
Ralf Syring
Ehemaliger Regionalkoordinator Südliches Afrika
terre des hommes Deutschland
|